Ahnenforschung - Methoden und Formalien

Ich werde oft gefragt: "Wie hast du das alles rausgekriegt?"

Dabei gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen bei den Fragenden, von "Musst du dazu in alten staubigen Archiven wühlen?" bis zu "Heute ist das doch bestimmt total einfach, weil alles online ist!"

 

Beides stimmt. Ahnenforscher, die dieses schöne Hobby schon deutlich länger als ich betreiben, bestätigen immer wieder, dass es heutzutage durch die Digitalisierung sehr viel einfacher geworden ist. Viele Behörden (z.B. Standesämter) und Kirchen haben Teile ihrer alten Unterlagen digitalisiert, um sie einer breiten Masse zugänglich zu machen und die empfindlichen Originale zu schonen. Eine große Datenbank wird auch von den Mormonen (der sog. "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage") vorgehalten und gepflegt - die Daten legen den Fokus auf die USA und sind mitunter eher schwer zugänglich; dennoch ist dies ein wichtiger Fundus für die meisten Ahnenforscher.

 

Aber bei weitem nicht alle Unterlagen sind digital verfügbar. Bei den Kirchen sind z.B. immer nur einzelne Regionen und dort auch oft nur wenige Kirchspiele digitalisiert. Nicht digitalisierte Unterlagen findet man dann z.B. auf Mikrofilmen in Archiven, seltener auch als Fotokopien oder man darf/muss sogar mit alten Originalunterlagen hantieren.

 

Dabei ist es am Anfang nicht einfach zu durchblicken, welche Informationen sich in welcher Art Unterlagen an welchem Ort befinden. Die Recherche nach dem Aufbewahrungsort von Unterlagen nimmt einen großen Teil der Ahnenforschung ein. Die wichtigsten Fragen sind dabei:

  • Wo lebte der Vorfahr (respektive, wo starb sie, wo heiratete er, wo bekam sie ihre Kinder)?
  • Welche Religion hatte er?
  • Um welchen Zeitraum geht es?

Die letzte Frage ist deshalb besonders wichtig, weil es in den meisten Gemeinden Deutschlands ungefähr ab 1870 Standesämter gab. Standesamtsunterlagen sind oft leichter zugänglich (=durchsuchbar) als solche von Kirchen. Was den Ort anbelangt - man bedenke, dass es ein vereintes Deutschland, wie wir es heute kennen, in dieser Form erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts gibt. Auch Zusammenlegungen, Eingemeindungen oder Umbennungen von Ortschaften können die Suche verkomplizieren. Insgesamt kann man sagen, dass es immer schwieriger wird, je weiter man in der Zeit zurück geht.

 

Außerdem sind noch die heute gesetzlich vorgeschriebenen Schutzfristen zu beachten. Daten, die zu "neu" sind, sind nur für direkte Nachkommen zugänglich, und diese Nachkommenschaft muss lückenlos nachgewiesen werden. Die Fristen betragen bei Geburten 110 Jahre, bei Hochzeiten 80 Jahre und bei Todesfällen 30 Jahre.

 

Wichtiger als alle Datenbanken oder Archive sind für meine Ahnenforschung aber meine Verwandten!

 

Vor allem die Vorgeborenen, die mir erzählen, was sie von früher in Erinnerung haben, was ihre Eltern und Großeltern erlebt und weitererzählt haben. Die nahen und entfernteren Verwandten, die nicht nur an Erinnerungen sondern sogar an kostbaren Fotos teilhaben lassen - sie füllen die Daten mit Leben und sind unverzichtbar. Ihnen gilt mein besonderer Dank. Eine herausragende Stellung nimmt hierbei meine Oma ein. Sie hat Zeit ihres Lebens immer viel auf die Familie gehalten - und dazu gehörten bei ihr wie selbstverständlich auch die Ahnen. Sie war es, die mein Interesse an diesem Thema schon früh bestärkt hat, und die mir einen veritablen Grundstock an Familiendokumenten hinterlassen hat. Daher widme ich diese Seite Leusebethchen.

 

Wie eine Personensuche aussuchen kann

Stellen wir uns einmal folgendes Szenario vor. Ich möchte wissen, wer die Eltern von Person X waren. Meine erste Frage lautet: Wann wurde X geboren? Das weiß ich leider nicht. Ich weiß aber, X hat 1865 sein erstes Kind bekommen, und zwar am Ort O, und dieses Kind wurde evangelisch getauft. Also nehme ich mir die evangelischen Kb (=Kirchenbücher) der Gemeinde O vor. Wahrscheinlich muss ich dazu ins Kirchenbucharchiv in Hannover und kann die Nachkriegs-Mikrofilme sichten. Auf den Filmen sind die Kb-Seiten mal von A nach B, mal von B nach A, mal von oben nach unten, mal von unten nach oben, und manchmal auch in keiner nachvollziehbaren Sortierung angeordnet. Schlecht beschriftet sind sie auch noch. Zum Sichten werden klobige röhren-TV-ähnliche Lesegeräte verwendet, die immer "klackkk!!" machen, wenn man auf Vergrößern stellt, und dabei verschiebt sich dann meist die Ansicht um mehrere Seiten , so dass man oft erneut nach der richtigen suchen muss.

 

Nehmen wir an, X war verheiratet - das war ja die Regel. Dann suche ich also im Heiratsregister von O vom Jahr 1865 an rückwärts. Mit etwas Glück finde ich den Eintrag von X und seiner Frau mit deren Herkunfts- oder Wohnort(en), und mit noch mehr Glück ist sogar sein Geburtsdatum notiert. Meist steht da aber nur das Alter in Jahren. Wenn X also aus dem selben Ort stammt, in dem er geheiratet und sein erstes Kind geboren hat, kann ich direkt im Geburtsregister von O weitersuchen. Aber sagen wir, nur zum Spaß, er kommt woanders her: aus O2 und war überraschenderweise katholisch. Ja, das kommt vor.

 

Wenn ich Glück habe, sind die Kirchenbücher von O2 bei "Matricula" online verfügbar. Dann rechne ich mir anhand der Altersangabe im Heiratseintrag das ungefähre Geburtsjahr aus und durchsuche von zuhause am Computer die Geburtsregister von O2. Durchsuchen heißt hier übrigens nicht, einen Namen in eine Suchmaske einzugeben! Es heißt, nur mit den Augen viele Seiten handgeschriebener Kirchenbuchseiten zu durchforsten. Diese können tabellarisch oder im Fließtext geschrieben sein, auf Deutsch oder Latein oder im wilden Mix. Oft wechseln sich auch verschiedenen Handschriften ab. Mitunter sitzt man dann da, und fragt sich, ob man da eigentlich einen Namen, einen Ort oder ein Datum vor sich hat. Da fängt's dann an, richtig Spaß zu machen...

Screenshot von "Matricula", einer Webseite, die viele katholische Kb kostenlos zur Verfügung stellt (zum Vergrößern auf das Bild klicken). Dieser Ausschnitt ist aus einem Geburtsregister von 1850 aus der kath. Gemeinde von Grasdorf (heute Holle).

Screenshot von "Archion", einer Webseite, die hauptsächlich evangelische Kb zur Verfügung stellt (kostenpflichtig). Der Ausschnitt ist aus dem Jahr 1737, aus der ev. Gemeinde von Dörnten, Liebenburg.

...und was kostet der Spaß?

Ahnenforschung ist ein faszinierendes Hobby, und wie die meisten Hobbies kostet es natürlich auch Geld. Als ich damit angefangen habe, hatte ich etwas naive Vorstellungen. Ich hatte liebe, ältlich-tuttelige Archivare vor Augen, die mir, nur weil ich so nett lächele, staubige Folianten aus dem Regal suchen und mit brüchiger Stimme sagen: "Bitteschön, mein Kind. Wenn ich noch was tun kann, sagen sie einfach bescheid." Geld kam in diesen Vorstellungen nicht vor. Heute muss ich über mich selbst lächeln.

Es mag solche Archivare geben, aber ich bin noch keinem begegnet. Vor dem Besuch des Archivs kommt immer die Gebührenordnung. Um überhaupt suchen zu können, muss man erstmal "Archivbenutzungsgebühren" (ich nenne es gern Eintrittsgeld) auf den Tisch legen. Das variiert zwischen 5 und 10 Euro. Manchmal ist es abhängig davon, wie lange man bleibt - so ähnlich wie im Schwimmbad. Da ist es bloß feuchter.

In vielen Archiven darf man nicht selbst kopieren (fotografieren selbstredend auch nicht). Man muss also einen "Vervielfältigungsauftrag" erteilen - der Amtsschimmel lässt grüßen - und dann pro kopierter Seite ca. 1-3 Euro rechnen. Je nach Archiv und Papierformat. Gegebenenfalls kommen dann noch Portogebühren dazu, falls der Archivar jetzt Feierabend hat oder man einfach viel zu viele Sachen kopiert haben will.

Dass die Archive Gebühren erheben müssen, ist verständlich. Die Archivalien wollen gepflegt und materialerhaltend aufbewahrt werden, das Personal will ausgebildet und bezahlt sein usw. Dabei ist es etwas frustrierend, dass die Ausgaben für die weniger betuchten Forschenden z.T. schon weh tun, man aber trotzdem davon ausgehen muss, dass die Archive weit davon entfernt sind, damit ihre Kosten zu decken. Es bleibt vermutlich ein Zuschussgeschäft, das aber immerhin zum Erhalt unserer Geschichte nicht unerheblich beiträgt!

 

Zu all dem kommen dann noch Fahrtkosten je nach Ort. Ein Niedersachsen-Ticket zum Beispiel kostet im Moment 23 Euro.

Online-Archive und Datenbanken sind i.d.R. auch nicht kostenlos; da variieren die Kosten enorm. Das fängt bei ungefähr 15 Euro im Monat an und ist nach oben offen.

 

Falls man nicht selbst zum entsprechenden Archiv anreisen kann oder will, kann man auch einen Rechercheauftrag stellen. Dazu fehlen mir bisher Erfahrungen; die Kosten variieren auf jeden Fall sehr stark.